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Neubaustrecke Wendlingen–Ulm: Mehrwert für Region, Land und ganz Europa

22.09.2022, Lesezeit 7 Minuten
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Das Großprojekt Neubaustrecke Wendlingen–Ulm steht kurz vor der Fertigstellung – bereits im Dezember 2022 sollen die ersten ICE-Züge mit bis zu 250 Stundenkilometern über die Strecke rollen.

Kilometerlanger Stop-and-go-Verkehr steht an der Tagesordnung: Wer auf der A8 von Ulm nach Stuttgart unterwegs ist, braucht Nerven aus Stahl. Erfreulich, dass Letzteres die beiden Städte bald in Form von Gleisen miteinander verbindet. Mit der neuen Strecke entstehen große Vorteile für Reisende in Baden-Württemberg: Im Fernverkehr profitieren sie auf der Relation Frankfurt–München von einer rund fünfzehn Minuten kürzeren Reisezeit, im Nahverkehr wird es stündlich eine Verbindung Ulm–Merklingen–Wendlingen sowie in der Gegenrichtung geben. Damit ergeben sich auch für Pendler neue Perspektiven: Ulm und Stuttgart rücken näher zusammen, mit dem Bahnhof Merklingen wird zudem eine ganze Region durch die Schiene neu erschlossen: „Damit entstehen ein attraktives Nahverkehrsangebot und ein Anreiz zum Umsteigen auf den klimaschonenden Bahnverkehr“, so Winfried Hermann, Verkehrsminister von Baden-Württemberg gegenüber der Deutschen Bahn.

Zieleinlauf des Marathons

Ein Projekt, das solch einen Mehrwert bietet, ist in der Umsetzung kein Spaziergang – sondern vielmehr ein Marathon. Die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm, bei der SWIETELSKY gemeinsam mit ihrem ARGE-Partner Rhomberg Bahntechnik in der ARGE Schwäbische Alb (ABSA) für den Gleisbau und die bahntechnische Ausstattung verantwortlich zeichnet, kann mit beachtlichen Zahlen auftrumpfen: 120 Kilometer Feste Fahrbahn, davon sechzig in Tunneln, zwei Großbrücken, 24 Weichen, zwölf Tunnel und ein Auftragsvolumen von rund 250 Millionen Euro. Hinzu kommt die Errichtung von 50-Hertz-Anlagen sowie Anlagen für Telekommunikation und Bahnstrom, die Verlegung von rund 1300 Kilometern Kabel, die mechanische Ausrüstung mit Lüftungsanlagen, Technikräumen und Beschilderungen sowie der Einbau von sechzig Kilometern beleuchtetem Handlauf. Auf den letzten Metern dieses „Projekt-Marathons“ legen nun alle Beteiligten einen finalen Sprint hin, um gemeinsam ins Ziel zu gelangen. „Aus heutiger Sicht werden wir dieses aufwendige Großprojekt ganzheitlich erfolgreich abschließen können: zeitgerecht, mängelfrei und wirtschaftlich“, zeigt sich Michael Maurer, kaufmännischer Leiter der ABSA, erfreut.

Langlebigkeit dank Fester Fahrbahn

Die mitunter größte technische Besonderheit der Strecke ist wohl die durchgehend Feste Fahrbahn. Hierbei wird der Schotter des Gleisbettes durch Beton ersetzt. Bei Geschwindigkeiten über zweihundert Stundenkilometer sind neben der besseren Gleislagestabilität vor allem die Instandhaltungskosten gegenüber dem Schotteroberbau deutlich geringer. Man erwartet, dass die Feste Fahrbahn eine Lebensdauer von mindestens sechzig Jahren haben wird. Dadurch steigen die Zuverlässigkeit und Wirtschaftlichkeit der Strecke. Erwähnenswert ist auch die Befahrbarkeit der beiden langen Tunnel neben der Filstalbrücke. Spezielle Betonplatten ermöglichen Einsatzfahrzeugen im Notfall die Durchfahrt. „Die Neubaustrecke ist für uns nicht nur aufgrund des Projektumfangs außergewöhnlich. Auch die erbrachten Leistungen, insbesondere das Bauen der Festen Fahrbahn, lieferten SWIETELSKY ein enormes Know-how für künftige Projekte dieser Art“, so Martin Kukacka, Leiter Projektmanagement Bahnbau International. Das Unternehmen sei in der Vergangenheit vorwiegend in Rahmengeschäften tätig gewesen, führt Kukacka weiter aus: „Die erfolgreiche Umsetzung der Neubaustrecke Wendlingen–Ulm bietet nun einen hervorragenden Einstieg in das in Deutschland vermehrt aufkommende Projektgeschäft.“

Interdisziplinäres Teamwork

„Niemand meistert so eine Aufgabe im Alleingang. Es braucht dazu immer kompetente und begeisterungsfähige Mitarbeiter – und auf eine solche Truppe können wir hier in großer Stärke zählen“, lobt Olaf Drescher, Vorsitzender der Geschäftsführung der DB Projekt Stuttgart–Ulm GmbH die Beteiligten. An jedem Arbeitstag befinden sich auf der Baustelle deshalb teilweise bis zu siebzig Angestellte und über zweihundert gewerbliche Mitarbeitende, die in einem kontinuierlichen Arbeitsprozess – zum Teil sieben Tage die Woche – im Dekadenbetrieb arbeiten und die Neubaustrecke zwischen Wendlingen und Ulm Realität werden lassen. Manche sind schon seit fünf Jahren vor Ort tätig. Ihr Hauptquartier ist das Baubüro in Hohenstadt – ein Containerkomplex mit außergewöhnlichen Ausmaßen. Hier befinden sich neben zahlreichen Büro- und Besprechungsräumen auch die Leitwarte, die Bauüberwachung durch die Deutsche Bahn sowie Wohnquartiere. Wir waren vor Ort und haben verantwortliche Personen aus verschiedenen Bereichen gefragt, wie es ist, an solch einem Projekt mitzuwirken.

Claudia Graber Kloiber
Claudia Graber-Kloiber, Oberbauleiterin ABSA

„Wir arbeiten im Schichtbetrieb, sind also neun bis zehn Tage am Stück auf der Baustelle und verbringen dabei oft auch unsere Freizeit miteinander. Natürlich entstehen dabei langfristige Freundschaften. Mittlerweile sind nicht hier mehr ganz so viele Personen im Einsatz – ich bin mir aber sicher, viele Gesichter bei künftigen Projekten wiederzusehen.“

Daniel Eberhard
Daniel Eberhard, Bauleiter ABSA

„Die hohen Qualitätsanforderungen der Deutschen Bahn kommen tatsächlich der täglichen Arbeit zugute – es ist sichergestellt, dass jegliches Personal bestens qualifiziert ist und sich als Zahnrad reibungslos ins große Getriebe einfügt.“

Oana Dumitrescu
Oana Dumitrescu, Technikerin ABSA

„Natürlich gibt es manchmal verschiedene Meinungen oder verschiedene Lösungen für bestimmte Probleme. Letztendlich sind all diese Inputs aber enorm bereichernd für die eigene Weiterentwicklung.“

Paul Gavra
Paul Gavra, Schichtbauleiter ABSA

"Ich habe schon auf Baustellen in Rumänien, der Slowakei, England und Libyen gearbeitet und unter anderem Atomkraftwerke gebaut. Ich weiß also, was etwas Besonderes ist. Und dieses Projekt ist etwas Besonderes.“

Larissa Wallner
Larissa Wallner, Abrechnungstechnikerin

„Ich bin dankbar, fast unmittelbar nach meinem HTL-Abschluss die Möglichkeit zu erhalten, längere Zeit im Ausland zu arbeiten und wichtige Erfahrungen sammeln zu dürfen.“

Vjeran Filippovic
Vjeran Filippovic, Kaufmännischer Mitarbeiter ABSA

„Wenn man einen Blick auf die ständig verstopfte Autobahn nebenan wirft, sieht man, welchen wichtigen Teil unsere Arbeit für den Umweltschutz leistet.“

Uwe Schlosser
Uwe Schlosser, Sicherheitsfachkraft ABSA

„Für mich ist die wichtigste Prämisse, dass am Ende des Tages wieder alle heil nach Hause kommen. Dafür braucht es aber jedenfalls laufende Unterweisungen im Umgang mit Maschinen und eine funktionierende Rettungskette. Ich bin froh, dass wir bis jetzt lediglich einen schweren Arbeitsunfall verzeichnen.“

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Michael Maurer, Kaufmännischer Leiter ABSA

„Die Arbeit in den vergangenen fünf Jahren ist kaum in Worte zu fassen. Wenn ich künftig einmal mit dem ICE über die Filstalbrücke fahre, wird die Wehmut nur durch meinen Stolz übertroffen.“

Bedeutung für Europa

Das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm ist das größte Ausbaukonzept für den öffentlichen Schienenverkehr in Baden-Württemberg seit dem 19. Jahrhundert. SWIETELSKY hatte sich 2017 zusammen mit der Rhomberg Bahntechnik (Bregenz) den Zuschlag für Gleisbau und bahntechnische Ausrüstung der Neubaustrecke von Wendlingen nach Ulm gesichert. Gemeinsam zeichnen die beiden Unternehmen seither in einer ARGE für die Planung, die Ausführung sowie die Inbetriebnahme der rund sechzig Kilometer langen Teilstrecke des „Bahnprojekts Stuttgart–Ulm“ der Deutschen Bahn verantwortlich. Dieses gilt wiederum als Puzzlestück der „Magistrale für Europa“, die künftig eine Direktverbindung zwischen Paris und Bratislava beziehungsweise Budapest in nur zehneinhalb Stunden Fahrzeit (statt aktuell 13,5) ermöglichen soll. Der Ausbau zur Hochleistungsverbindung gilt auch als wesentliche Voraussetzung für die rasche ökonomische, politische und kulturelle Integration von Ost- und Westeuropa. Das Projekt soll ca. 35 Millionen EU-Bürger in fünf EU-Staaten entlang einer etwa 1500 Kilometer langen Achse miteinander verbinden.

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Im Juli wurden bei Wendlingen die letzten fehlenden Meter der Fahrbahn mithilfe einer Draisine betoniert. Im Hintergrund: die viel befahrene A8.
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Bevor die Befahrbarkeitsplatten auf der Filstalbrücke angebracht werden können, wird per Schotterzug der Unterbau vorbereitet.
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Der „Feinschliff“ der Betondecke erfolgte entlang der gesamten Strecke in mühsamer Handarbeit.
Bild 3 Absa
Die 485 Meter lange Filstalbrücke ist das Herzstück der Bahnstrecke – wenn hier in Kürze Personenzüge verkehren, bleiben den Fahrgästen knapp zwei Sekunden Zeit, um die Aussicht in 85 Metern über dem Tal zu genießen.